Pflanzengesundheit und ökologische Züchtung

Unsere Kulturpflanzen stehen seit jeher ständig in Wechselwirkungen mit Pathogenen, Umwelt und Mensch. Pflanzenkrankheiten haben sich gemeinsam mit den Pflanzen entwickelt und deuten bei gehäuftem Auftreten meist auf ein Ungleichgewicht im Umfeld der Pflanzen hin.

Pflanzengesundheit

Auch im Ökolandbau greifen wir trotz Fruchtfolgen, angepasster Düngung und schonender Bodenbearbeitung stark in natürliche Systeme ein. Dadurch entstehen neue Lebenszusammenhänge, die das Gleichgewicht stören können. Droht ein erheblicher Krankheitsbefall, sind Maßnahmen nötig, die auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Eine vorbeugende Möglichkeit ist die Saatgutbehandlung, etwa durch Warmwasser, die jedoch auf Ebene der Symptombehandlung bleibt und nichts an den Ursachen für kranke Pflanzen ändern kann. Auf präventiver Ebene spielen Resistenzen eine Rolle. Doch auch vollresistente Sorten sind nicht dauerhaft stabil. Pathogene entwickeln sich immer weiter, Resistenzen werden durchbrochen, schnell müssen wieder neue Sorten gezüchtet werden.

Ökologische Züchtung

Ökologische Pflanzenzüchtung verfolgt einen anderen Ansatz. Statt maximaler Resistenz begleiten wir Pflanzen darin, sich angepasst an die Umwelt zu entwickeln. Einen besonders interessanten Weg im Resistenzmanagement bietet das sogenannte ökologische heterogene Material (ÖHM), bei welchem man sich das Anpassungs- und Veränderungspotenzial vielfältiger Pflanzenpopulationen zunutze macht. Mit Barriere- und Abstandseffekten und dem Puffervermögen genetischer Diversität werden zwar selten Maximalerträge, dafür aber sehr verlässliche mittlere Erträge erzielt. Zudem passt ÖHM sich über die Zeit immer besser an Standorte an, was bei Getreide wie Gerste und Weizen bereits gut erforscht ist. Auch im Gemüsebau zeigen ÖHM Populationen, etwa bei Salat und Spinat, vielversprechende Ergebnisse. Züchter:innen des Vereins Kultursaat e. V. und der Bingenheimer Saatgut AG leisten hier wichtige Pionierarbeit.

Entwicklungsräume

Kulturpflanzen sind auf die Bedingungen angewiesen, für die sie gezüchtet wurden. Wir können versuchen, ihnen um jeden Preis unsere Systeme aufzuzwingen – mit chemischem Pflanzenschutz und Gentechnik – und entfernen sie damit zunehmend aus ihrem natürlichen Zusammenspiel mit Umwelt und Mensch. Oder wir schaffen Entwicklungsräume, die es Pflanzen erlauben, sich weiterzuentwickeln im Sinne einer lebendigen, widerstandsfähigen und nachhaltigen Landwirtschaft. Die Entscheidung liegt bei uns: Kontrolle oder Kooperation, Symptombehandlung oder Weiterentwicklung zu einem gesunden Gleichgewicht – wir haben die Wahl.